Soobeen Woo: In der digitalen Welt richten wir oft virtuelle Persönlichkeiten ein und passen uns ihnen an, als wären sie unser wahres Ich

Soobeen Woo: Ratskeller

Photos: Soobeen Woo.
Interview: Lara Lehmann. Publiziert am 20. SEP 2024.

— Kennen du Gelsenkirchen? Warum hast du bei GOLDSTÜCKE 2024 zugesagt?

Bevor ich mich für die Teilnahme an diesem Festival entschied, wusste ich nicht viel über Gelsenkirchen. Ich habe mich jedoch für die Teilnahme an GOLDSTÜCKE 2024 entschieden, weil das ursprünglich vorgestellte Thema – Digitale Identität – gut zu meiner Arbeit passte. Mein Projekt für diese Veranstaltung mit dem Titel „Echoia“ erforscht die verzerrte und veränderte digitale Identität des Menschen durch die Verschmelzung von Mensch und KI. Außerdem habe ich Gelsenkirchen im Juli besucht und die lebendige künstlerische Atmosphäre der Stadt erlebt. Das machte die Teilnahme an der Veranstaltung noch attraktiver und veranlasste mich mitzumachen.

— Was sind besonders interessante Aspekte des Materials/Mediums?

In diesem Projekt habe ich zum ersten Mal das Medium „Hologramm“ verwendet. Da sich meine Arbeit im Großen und Ganzen mit der Verschmelzung analoger und digitaler Existenzen befasst, wollte ich ein Medium verwenden, das ebenfalls an der Schnittstelle von analog und digital liegt. In meinen bisherigen Arbeiten habe ich mich darauf konzentriert, dem Unsichtbaren neue Eigenschaften zu geben uns es sichtbare zu machen. Ich bin fasziniert davon, wie das Digitale in Kombination mit dem Analogen unendlich projiziert und verzerrt werden kann. Ich hoffe, dass meine Arbeit von den Betrachtern neu interpretiert, reproduziert, verzerrt und transformiert werden kann, je nachdem, aus welchem Blickwinkel sie betrachtet wird. Ein Hologramm schien mir sowohl konzeptionell als auch visuell ein äußerst überzeugendes Mittel zu sein, um all diese Elemente auszudrücken.

— Welcher Grundgedanke hat dich zu deinem aktuellen Werk inspiriert und welche Botschaft möchten du damit vermitteln?

In der digitalen Welt richten wir oft virtuelle Persönlichkeiten ein und passen uns ihnen an, als wären sie unser wahres Ich. Algorithmen können uns manchmal kontrollieren und sogar unseren Geschmack in der Realität einschränken. Dies ist ein Akt der Anpassung an das, was wir zu sein wünschen. Virtuelle Avatare, virtuelle Vorlieben, künstliche Intelligenz und Algorithmen verschmelzen allmählich mit unserer Identität und verwandeln und verzerren sie. Wie sollten wir diese digitale Identität wahrnehmen, und können wir sie als unser wahres Selbst bezeichnen? Aus dieser Frage heraus wurde Echoia geboren.

Echoia symbolisiert das digitale Selbst des Menschen in der virtuellen Welt. Es stellt die Verschmelzung eines virtuellen Avatars dar, der sich je nach meinen Bewegungen verändert, transformiert und neu erschaffen wird. Das Bild wird durch KI in der digitalen Welt ständig reproduziert und neu interpretiert. Echoia ist eine Kombination dieser Elemente und symbolisiert die digitale Persona eines Menschen.

Durch eine Installation, die es dem Betrachter ermöglicht, in ein verzerrtes und transformiertes Gebilde hinabzublicken, als ob er in einen Brunnen blicken würde, reflektieren wir über uns selbst. Die Form, begleitet vom Effekt des plätschernden Wassers im Inneren, verstärkt ihre Bedeutung. Sie dient als digitaler Brunnen, in dem wir über unsere digitale Identität nachdenken können, indem wir unser eigenes Gesicht in ihm gespiegelt sehen.

— Was sind für dich die zentralen Aspekte der zeitgenössischen Kunst und wie lässt du diese in dein Werke einfließen?

Der wichtigste Punkt für mich ist, dass die Philosophie im Mittelpunkt steht und nicht die Technologie (einschließlich bestimmter Werkzeuge und Medien). Meiner Meinung nach muss Kunst immer irgendeine Form von philosophischem oder humanistischem Denken verkörpern, ob es nun persönlich oder universell für die Menschheit ist. Wenn ich ein Projekt beginne, lasse ich mich immer von akademischen Abhandlungen, Philosophie oder geisteswissenschaftlichen Büchern inspirieren. Dies dient als Ausgangspunkt für die Überlegungen, wie man sie mit einem bestimmten Werk verbinden und künstlerisch umsetzen kann.

— Hast du ein Lieblingskunstwerk aus dem diesjährigen GOLDSTÜCKE Programm?

Am meisten freue ich mich auf die Arbeit von Slava Romanov. Wenn ich ein Kunstwerk betrachte, konzentriere ich mich meist auf die Verbindung zwischen der Botschaft, die es vermitteln soll, und dem verwendeten Medium. In diesem Fall wurde mir diese Verbindung sofort klar, als ich die Beschreibung des Werks hörte. Ich fand es faszinierend, wie der Künstler Laser und photochrome Pigmente einsetzte, um die Vergänglichkeit von menschengemachten Strukturen, insbesondere von Gesetzen und Institutionen, darzustellen, indem er sie vorübergehend erscheinen und dann verschwinden lässt.