Interview: Lara Lehmann. Publiziert am 19. SEP 2024.
WATER LIGHT FESTIVAL Neustift 2023. Photos: Jennifer Braun.Hallo Slava, danke, dass du dir die Zeit genommen hast, im Vorfeld mit mir zu sprechen. Ich schätze es sehr, dass du dir die Mühe machst, mir einen Einblick in deine Arbeit und deinen kreativen Prozess zu geben. Ich freue mich darauf, mehr darüber zu erfahren, was dich inspiriert und wie du an deine Werke herangeht. Starten wir direkt mit der ersten Frage.
— Kennst du Gelsenkirchen? Warum hast du zu den GOLDSTÜCKEN 2024 zugesagt?
Ich bin schon öfters an Gelsenkirchen vorbeigefahren, da ich jedes Jahr in NRW unterwegs bin und die dortige Kulturszene und Medienkunst, überlagert von der Industiergeschichte des Ruhrgebiets, genieße und mitgestalte. Da ich die Stadt selbst noch nicht besucht habe, hat die Möglichkeit, an den GOLDSTÜCKEN teilzunehmen, mein Interesse geweckt – nicht nur, um die Künstlerkonstellation zu treffen und Teil von ihnen zu werden, sondern auch, um Ideen auszutauschen. Weiter auch um zu erkunden, wie alles mit dem lokalen kulturellen Gefüge und seinem einzigartigen Kontext zusammenhängt.
— Wie würdest du deine künstlerische Praxis beschreiben?
Auf meinem Weg als Kunstschaffender geht es darum, die unendliche Komplexität der Welt durch das Zusammenspiel von Dichotomien zu erfassen, wie zum Beispiel die menschliche und nicht-menschliche Natur des Datenflusses und deren Konvergenz oder Zusammenbruch. In meinem Prozess versuche ich, Chaos und Ordnung, Einfachheit und Komplexität, Analytisches und Spekulatives in Einklang zu bringen.
Ich arbeite medienübergreifend und experimentiere mit der Interpretation und Verkörperung von Daten durch klangliche und visuelle Formen, wobei ich Themen wie die Wandelbarkeit von Erinnerungen, die Interaktion zwischen analog und digital sowie die Wahrnehmung von Licht und visuellen Bildern anspreche.
In der unübersichtlichen Informationslandschaft der modernen Welt versuche ich, einen Moment des Verstehens, der Benennung oder des Kalkulierens auszumachen – ganz gleich, ob es sich um soziale Daten, Politik oder Medien handelt -, bis ich meine Methode des Zurücktretens anwende, um die Perspektive zu wechseln. Dieser Ansatz ermöglicht es meiner Arbeit, sich zyklisch zu entwickeln und eine ständig erneuerte Reflexionsspirale zu bilden.
— Welche Grundgedanken haben dich zu deinem aktuellen Werk inspiriert und welche Botschaft möchtest du damit vermitteln?
Der Kerngedanke hinter meiner aktuellen Arbeit dreht sich um die Erforschung von Erinnerung, Zeit, Licht und Normen. Diese Elemente überschneiden sich und bilden eine Erzählung darüber, wie wir wahrnehmen, was dauerhaft ist und was vergänglich. Insbesondere die Verwendung von UV-Licht wirkt sowohl konservierend als auch verzerrend und symbolisiert den unvermeidlichen Abnutzungs- und Alterungsprozess, der sich im Laufe der Zeit nicht nur auf physische Objekte, sondern auch auf unser Verständnis gesellschaftlicher Normen und Gesetze auswirkt.
Durch die Verwendung von Materialien, die reversibel auf UV-Bestrahlung reagieren, möchte ich eine visuelle Metapher für Vergänglichkeit schaffen. Das Medium verwandelt sich unter Lichteinwirkung und nimmt vorübergehend eine Form an, bevor es verblasst, ähnlich wie sich Erinnerungen und Normen unter dem Gewicht der Zeit und dem Druck von außen verändern. Diese Wechselwirkung unterstreicht die Zerbrechlichkeit dessen, was wir als feststehend betrachten.
Die Oberflächen, mit denen ich arbeite, erzeugen einen Eindruck von Monumentalität und stellen Analogien zu Strukturen und Systemen her, die ewig und unveränderlich zu sein scheinen, wie etwa in Stein gemeißelte Gesetze. Doch sind diese Oberflächen, wie auch Normen, nicht so beständig, wie sie erscheinen. Sie sind einem ständigen Wandel unterworfen und spiegeln die historischen Prozesse wider, die unser kollektives Verständnis von Gerechtigkeit, Ethik und Ordnung formen und umgestalten.
— Wie siehst du die Rolle der Kunst in der heutigen Gesellschaft?
Die Kunst spielt eine entscheidende Rolle als Medium zur Erforschung komplexer und oft ungelöster gesellschaftspolitischer Fragen. Im Gegensatz zu traditionellen Kommunikationsmethoden erlaubt die Kunst die Verwendung von Formen, die sowohl intellektuelle als auch emotionale Reaktionen hervorrufen und die Menschen auf einer tieferen, persönlicheren Ebene ansprechen. Sie ermöglicht einen freieren, offeneren Dialog, der nicht an die Zwänge herkömmlicher Informationskanäle gebunden ist und Gespräche ermöglicht, die sonst nur schwer oder gar nicht zu führen sind.
Kunst wagt es, sich mit kontroversen, schmerzhaften und widersprüchlichen Realitäten auseinanderzusetzen, und schafft so Räume für Reflexion und Diskussion. Sie agiert als flexibler Motor des Wandels und nimmt oft Veränderungen in sozialen Normen und institutionellen Strategien vorweg. Auf diese Weise spiegelt die Kunst nicht nur die Welt wider, sondern nimmt aktiv an ihrer Gestaltung teil, indem sie der Gesetzgebung und den gesellschaftlichen Strukturen vorausgeht und die Grenzen des Diskurses herausfordert und erweitert.
— Was sind für dich die zentralen Aspekte der zeitgenössischen Kunst und wie lässt du diese in dein Werk einfließen?
Für mich sind die zentralen Aspekte der zeitgenössischen Kunst ihre Experimentierfreudigkeit, Innovation und ihre Bereitschaft, Konventionen in Frage zu stellen. Zeitgenössische Kunst bietet die Freiheit, die Grenzen zwischen etablierten Normen und neuen Ideen zu verwischen, was fließende, dynamische Prozesse ermöglicht, die die Komplexität unserer Zeit widerspiegeln. Diese Flexibilität ist von entscheidender Bedeutung, wenn es darum geht, sich mit den sich entwickelnden sozialen, politischen und ethischen Fragen auseinanderzusetzen, bei denen starre Strukturen oft zu kurz greifen.
— Hast du ein Lieblingskunstwerk aus dem diesjährigen GOLDSTÜCKE Programm?
Ich nenne mein Lieblingswerk aus dem GOLDSTÜCKE Programm noch nicht, da ich es vorziehe, alle Werke aus dem Hauptprogramm persönlich zu erleben und mich beeindrucken zu lassen. Dennoch werde ich die Videoarbeiten von DIPLOPIA und die Beiträge meiner Kollegen in der Ausstellung Young Masters nicht unbeachtet lassen. Jede dieser Arbeiten trägt ihr Potenzial, und ich freue mich darauf, mich während des Festivals ausführlich mit ihnen zu beschäftigen.