Simon Hillme: Robinienhof
Interview: Gamze Can. Publiziert am 20. SEP 2024.
Hey Simon, schön, dass du bei den GOLDSTÜCKEN dabei bist! Noch einmal herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Open Calls. Wir freuen uns darauf, mehr über deine künstlerische Praxis zu erfahren und Einblicke in deinen kreativen Weg zu bekommen.
— Kennst du Gelsenkirchen und die GOLDSTÜCKE? Was hat dich dazu bewegt, dich für den Open Call zu bewerben?
Mit Gelsenkirchen hatte ich bis dato noch keine Berührungspunkte. Auch auf die „GOLDSTÜCKE“ bin ich erst durch die Ausschreibung aufmerksam geworden. Bei der Ausschreibung hat mich die thematische Ausrichtung und die große Freiheit hinsichtlich möglicher Einreichungen angesprochen.
— Wie würdest du deine künstlerische Praxis beschreiben?
Ich arbeite vorrangig mit zeitbasierten Medien, insbesondere mit Sound und Licht (Video), wobei meine Werke meist ungegenständlich sind. Zu meinen Arbeiten zählen Videoprojektionen, installative Werke, audiovisuelle Performances und Sounddesigns, oft in kollaborativen Kontexten. Dabei nutze ich überwiegend rechnergestützte Technologien wie node-basierte Entwicklung-Tools, Realtime-3D-Engines sowie modulare Audio- und Videoprogramme. Meine Ideen und Konzepte schöpfe ich oft aus gesellschaftstheoretischen und geisteswissenschaftlichen Fragestellungen. Aus diesen Kerngedanken entwickle ich ein inhaltliches Narrativ, eine Formsprache und eine kompositorische Struktur, die ich anschließend durch abstrakte Annäherungen und Analogien audiovisuell umsetze.
— Welche Materialien oder Technologien kommen in deinem Werk zum Einsatz?
Die visuellen Elemente der Arbeit bestehen vorwiegend aus dreidimensionalen Punktwolken und Netzstrukturen, deren auf Algorithmen basierte Datensätze prozedural transformiert werden. Dadurch entsteht eine visuelle Struktur, die sich ständig dynamisch verändert. Der akustische Teil der Komposition basiert auf Audiomaterial, die durch die rekursive Anwendung von Phasenmodulationen und Rückkopplungen entwickelt und zu rhythmischen Arrangements angeordnet wurde.
— Wie bist du dazu gekommen? Was sind besonders interessante Aspekte an dem Material/Medium? Welche Prozesse und Methoden sind für dich zentral?
In meiner Arbeit spielen Rückkopplungen und rekursive Prozesse eine entscheidende Rolle. Durch das rekursive Verschalten von Datenströmen und Signalprozessoren ist es möglich, dynamische Strukturen zu schaffen, die sich quasi-autopoietisch selbst generieren und weiterentwickeln – und diese in ihrer Entwicklung beeinflussen.
Hierdurch tritt man in eine Art von dialogischer Beziehung mit der eigenen Arbeit, bei der man in einem Wechselspiel aus Aktion und Reaktion mit dieser interagiert, während diese sich simultan neu formt. Man entwickelt gewissermaßen Heuristiken für den Umgang mit der eigenen Arbeit. Das finde ich spannend.
Ursprünglich bin ich über die Entwicklung von Drone-Sounds durch modulare Klangsynthese auf diese Arbeitsweise gestoßen. Etwa gleichzeitig habe ich begonnen, mit der Rückkopplung von Videosignalen zu experimentieren. Irgendwann wurde mir klar, dass man in einer digitalen Umgebung grundsätzlich jeden beliebigen Datenstrom rückkoppeln kann – sei es eine Audiowelle, eine Rastergrafik oder die Positionsdaten und Texturierungen von 3D-Objekten.
— Welche Aspekte waren dir bei der Entstehung deines Kunstwerks besonders wichtig?
Ein zentraler Aspekt war, die Balance zwischen prozessualen Elementen und einer bewussten Strukturierung des Materials zu finden. Ebenso wollte ich eine Balance zwischen Organischem und Digitalem finden, eine Komposition zu entwickeln, die auf einer digital-synthetischen Formsprache basiert, aber in ihrer Struktur einen deutlich organischen Charakter aufweist und über ihren zeitlichen Verlauf Entwicklungs- und Transformationsprozesse durchläuft, welche diesen Charakter noch weiter heraus formen.
— Welcher Kerngedanke hat dich zu deinem jetzigen Werk inspiriert und welche Botschaft möchtest du damit vermitteln?
Meine Arbeit beschäftigt sich mit der Ambivalenz zwischen Gemeinschaft und Individuum, zwischen Innen und Außen. Wir befinden uns gesellschaftlich in Phase des Umbruchs, in der alte Strukturen zerfallen, ohne dass neue greifbar sind. Der Philosoph Zygmunt Bauman hat den Zustand unserer Gegenwart als “liquid modernity” beschrieben. Diese Unsicherheiten und den generellen Umgang mit Unschärfen verarbeite ich in meiner Arbeit.
— Hast du ein Lieblingskunstwerk aus dem diesjährigen Programm der GOLDSTÜCKE?
Da ich die Arbeiten ja noch nicht vor Ort gesehen habe, kann ich diese Frage schlecht beantworten. RAYARRAY von Simon Lang und Lucca Vitters sieht allerdings sehr interessant aus.