Katharina Berndt: Diese Künstliche Wiederholung von immer denselben Motiven als Verkauf von Individualität und die gleichzeitige narzisstische Selbstdarstellung wollte ich in dieser Arbeit beleuchten.

Katharina Berndt: Goldbergpark

 

Liebe Berndt, es freut uns sehr, mit dir im Rahmen deiner eindrucksvollen ortsspezifischen Installation im Goldbergpark zu sprechen. Deine Arbeit, eine 12-Kanal-Großprojektion, nutzt die Bäume des Parks auf innovative Weise als Leinwand für deine metaphorischen Kreaturen. Ich möchte dir einige Fragen stellen, um die Entstehung dieses Werks und die tieferen konzeptionellen Leitgedanken, insbesondere zur Fragmentierung des Selbst in der digitalen Welt, besser zu verstehen.

– Was ist das Interessante an der Teilnahme an einem Licht- und Medienkunst Projekt in Gelsenkirchen? Warum hast du zugestimmt, bei den GOLDSTÜCKEN dabei zu sein?

Ich bin gern Teil eines gut kuratierten Lichtfestivals, dass mehr ist als die Summe aller Teilchen.

– Wie beeinflusst der Kontext von Gelsenkirchen (oder der spezifische Festivalort) deine Arbeit? Gibt es lokale Elemente, die du einbezogen hast?

Für mich ist zum einen das Thema ausschlaggebend für die Arbeit als auch der Ort. Projektionen auf Bäume und Gras, sprich lebendes, amorphes Material, ist sehr spannend für mich. Auch die unterschiedlichen Situationen, die ich schaffen kann in einem Park. Dort gibt es große solitär stehende Baumgruppen, Säume, Wiesenflächen, Wege, und höhlenartige Innenräume unter den Bäumen. Diese Verwandlung eines scheinbar bekannten Ortes fasziniert mich. Die Lebendigkeit der Pflanzen als Projektionsfläche und gleichzeitig Projektionsraum und begehbare Bühne sowie die damit verbundene Nichtberechenbarkeit ist eine tolle Herausforderung. Die Vorarbeit ist eine Ahnung, die vor Ort zu etwas anderem werden kann. Diese Lebendigkeit und das Spiel mit dem Zufall, das passieren lassen und reagieren auf die Umstände macht für mich den künstlerischen Prozess besonders reizvoll. Ein interessanter Nebenbogen, eine weitere Ortsbezogenheit, ist die Verwendung der geometrischen Muster als Bildsog, die in die Bilder eingebaut wurden, und die mir besonders aus der Kinetik-Ausstellung des Kunstmuseums in Buer in Erinnerung geblieben sind.

– Kannst du uns deinen kreativen Prozess für dieses Werk erläutern, von den ersten Ideen bis zum Konzept und dann zur Umsetzung?

Ich wurde gefragt, ob ich den Park mit schwarzweißen gezeichneten Goboprojektionen bespielen wollen würde. Diese Technik ist sehr schlicht, ähnlich lichtstarker Diaprojektoren können sie statische Einzelbilder im Außenbereich super projizieren. Dabei ist das besondere für mich als Zeichnerin, dass wir es mit einer dreidimensionalen „Bühne“ zu tun haben, die vom Publikum durchwanderbar ist. Es gibt zwar zwei Laufrichtungen auf den Hauptwegen, aber wie sich jeder letztendlich den Bildern nähert und wie nah man ran- oder gar hineingeht, ist jedem/jeder selbst überlassen. Auf Bäume zu projizieren, ist ein Experimentierfeld, das ich schon lange ausprobieren wollte. Wirft man ein Bild auf eine so unebene „Fläche“ wie eine Baumkrone oder eine Wiese, ist das Bild nur aus einem Punkt richtig deutlich erkennbar, danach zersplittert es in unzählige amorphe Bildteilchen. Dies ist andersherum ein toller Effekt: man sieht einen beleuchteten Baum und plötzlich wird der Lichtkegel zu einem Bild. Meine Zeichnungen in so großer Dimension im Raum zu sehen und hindurchzugehen, ist für mich als Urheberin ein besonders erhebendes Erlebnis. Es bewegt sich nur durch die eigene Bewegung und die des Windes. Keine filmische Dramaturgie, kein Farbflash. Ganz schlicht und leise.

Zuerst habe ich mir den Park genau angesehen und erkundet, was für Räume ich mit den Projektionen inszenieren und temporär erschaffen könnte. In Kombination mit verschiedenen äußeren Gegebenheiten (Anzahl der gestellten Projektoren, Ausmachbarkeit von bestimmten Laternen, genügend Ausleuchtung für gefahrenlose Durchquerung und die Festlegung möglicher Projektorinstallationsstandorte) entstand ein Parcours der Bilder auf dem Papier. Thematisch reizte mich in diesem Zusammenhang das Thema „Selbstinszenierung in Social Media“. In Potsdam aufgewachsen, hat mich schon vor Handyzeiten das touristische Verhalten früh befremdet: Wie sich immer dieselbe Szene abspielte vor den immer selben Standorten: Foto von mir vor dem Schloss, Foto von mir vor der Statue usw. Sowohl die Posen als auch die Mimiken waren so austauschbar, dass die Individualität des Erlebens ad absurdum geführt war. Diese künstliche Wiederholung von immer denselben Motiven als Verkauf von Individualität und die gleichzeitige narzisstische Selbstdarstellung wollte ich in dieser Arbeit beleuchten. Die Narzisse als Sinnbild spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie ist der rote Faden, der uns durch den Park führt. Auf den ersten Blick schmückende Blütenpracht, die keinen besseren Ort als einen Garten als Bühne finden könnte. Zum zweiten das Sinnbild für Selbstverliebtheit und Egozentrismus. Die Welt dreht sich um mich, mich und mich. Manchmal ist das Ich auch ein kleines Wir. In jedem Fall ein Teil einer oberflächlichen Scheinschönheit.

Die Verbindung mit den psychodelischen Mustern entstand auf der Suche nach einer bildlichen Übersetzung der Sogwirkung von Handys und Social Media. Dabei bin ich auf die optischen Effekte von Op-Art gestoßen und erinnerte mich an die Kinetik-Ausstellung im Kunstmuseum in Buer, das ich bei den letzten Goldstücken besucht hatte. Ein schöner Bogen zurück zum Ort. Der Moment, an dem ich das schreibe, ist der, wo die letzten Bilder entstehen. Beim Einrichten der Projektoren wird sich alles aus meiner Vorstellung mit der Realität konfrontiert sehen und dabei wird sich die Arbeit als GesamtraumLichtkunstwerk noch einmal verändern. Die Reihenfolge, die Größe und die Dichte sind in meinem Kopf zwar durchkomponiert, werden sich aber mit Sicherheit vor Ort noch einmal wandeln.

– Inwiefern steht diese Arbeit in Bezug zu deiner allgemeinen künstlerischen Praxis oder weichst du von dieser ab?

Ich arbeite stets für einen konkreten Ort und zu einem bestimmten Thema. Eine fertige Arbeit, die dann rumgetourt wird, gibt es sehr selten. In diesem Sinne entspricht die Arbeitsweise meiner gewohnten Herangehensweise. Es wird ein Ort und ein Sujet an mich herangetragen und schaue, was passiert, kann mich daran abarbeiten. Insofern kommt mir mein Studium als Illustratorin zugute.

– Wie gehst du an die Gestaltung von Kunst im öffentlichen Raum heran? Welche besonderen Herausforderungen und Möglichkeiten gehen von dem öffentlichen Raum aus?

Dass der Raum öffentlich, sprich kostenfrei zugänglich ist, ermöglicht es allen – auch den AlltagspassantInnen und AnwohnerInnen – den Ort anders ins Szene gesetzt wahrnehmen zu können. Allen die Möglichkeit zu geben, einzutauchen, so oft sie wollen, so viel und so wenig Zeit dort zu verbringen, wie sie mögen, ist ein Privileg für alle Beteiligten und hebt die Kunst von ihrem Sockel.

– Welche Art von Standort hast du für deine Arbeit gewählt? Wie hast du ihn gefunden?

Ich wurde konkret dafür gefragt, weil meine Arbeitsweise und meine Bilder gut zum Park passen (und vielleicht auch weil ich aus einer Gärtnerdynastie stamme :). Ich liebe es, im Trubel kontemplative Orte der Einkehr zu schaffen und ich kenne mich mit der Goboprojektionstechnik aus. Das passte beides.

– Wie setzt du dich in deiner künstlerischen Praxis mit Licht und Medien als Medien auseinander? Was hat dich dazu bewogen, mit diesen Elementen zu arbeiten?

Ich arbeite sehr gern mit der kontrastreichen Scherenschnittästhetik. Die kommen bei mir in Form von dauerhaft geklebten Fensterbildern und temporären Lichtprojektionen vor. In beidem spielt das Licht eine große Rolle. In diesem Fall ist es die Möglichkeit, einen scheinbar bekannten Ort ohne Materialschlacht für kurze Zeit zu inszenieren. Eine optische Täuschung. Orte für kurze Zeit so zu verwandeln, ist eine Art der Kunst, die mich sehr reizt. Ein begehbares Bühnenbild auf Knopfdruck.

– Welche Technologien setzt du in diesem Werk ein? Wie tragen sie zu deiner künstlerischen Vision bei?

Goboprojektionen kann man sich wie Glasdias vorstellen oder Scheinwerfer mit eingebauter Optik. Ich versuche immer mit wenig viel zu erschaffen. Aus der Begrenztheit entsteht Kreativität: statische Bilder, keine Farbe, kein Ton. So anachronistisch wie schön. Der Vorteil ist hier auch, dass es keine Pixelunschärfen wie bei digitalen Beamern gibt und man auf diese Art kostentechnisch auch deutlich länger projizieren könnte, wodurch es für Dauerprojektionen auch ein tolles Medium ist.

– Wie wird sich deiner Meinung nach die Licht- und Medienkunst im Wechselspiel mit unserer sich verändernden Welt weiterentwickeln? Welche zukünftigen Richtungen reizen dich in diesem Bereich?

Ich finde es spannend, wie KI Einzug hält. Das bewegt mich selbst jedoch eher mehr in die andere Richtung. Die menschgemachte Zeichnung wird in der Kunst ihren Stellenwert behalten, das Handgemachte zunehmend an Attraktivität gewinnen. Da bin ich sehr anachronistisch veranlagt und Verfechterin des Nichtperfekten, kreativ Unerwarteten.

– Inwiefern reagiert deine Arbeit auf aktuelle Spannungen, Konflikte oder Krisen oder reflektierst du diese?

S.o. kreativer Prozess – Spiel mit dem Narzissenmotiv passend zum Park, das aber als Symbol dient und den durch Social Media forcierten Umsichselbstkreiswahn aufs Korn nimmt.

Ich habe den Aspekt der gleichgeschalteten, künstlichen egozentrischen Selbstinszenierung in Social Media herangezogen und mit der Sage des Narziss verwoben. Im Grunde geht es um die Verstopfung der Cloud mit den immerselben Bildern, die nichts Originelles mehr in sich tragen und im Gegenteil abziehbildartig sich selbst replizieren. Die kalte Fassade der Künstlichkeit von inszeniertem Glück.

– Wie balancierst du zwischen ästhetischen Überlegungen, dem inhaltlichen Fokus und gesellschaftlichem Engagement in der künstlerischen Produktion?

Das denkt sich parallel, entsteht im Machen, im fließenden Prozess.

– Was hoffst du, wie die Betrachtenden mit deinem Werk interagieren oder es erleben? Was möchtest du ihnen mit auf den Weg geben?

Zum ersten sollen die BesucherInnen das Ganze spielerisch erforschen: Wie sieht was von wo aus? Wie ist es, im Bild zu stehen, von wo erfasse ich es komplett am besten, wie verändert es sich beim Weitergehen? Das ist der räumliche Erfahrungsaspekt.
Zum anderen gibt es diese zwei Ebenen, von denen ich möglichst vielen wünsche, sie zu erkennen. Ist man Teil der Selbstinszenierungsbubble, wird es sich einem anders darstellen als Leuten, die dem Thema ohnehin schon skeptisch gegenüberstehen. Der Bruch und die Überlegung, was hier passiert, was gezeigt wird – darüber ins Gespräch zu kommen, wäre, was ich mir am meisten wünsche. Es sind einige Themen verborgen, wie z.B.: Was ist öffentlich, was privat? Was macht echte Schönheit aus? Was ist heute sinnstiftend? Was brauchen wir?