François Schwarmborn: Mein Fokus liegt sehr stark auf ästhetischen Überlegungen, die für mich eine sehr hohe spirituelle und auch eine moralische Dimension haben

François Schwamborn: Rathaus
Interview: Bettina Pelz. Publiziert am 15. SEP 2024.

Mixed Realities, Projection Mapping und Creative Coding haben in den Bildenden Kunst an bedeutung gewonnen. Sie eröffnen Künstler_innen neue Möglichkeiten des Ausdrucks und der Interaktion mit Räumen und Situationen.

Mixed Realities ist eine der Bezeichnungen für künstlerische Arbeitsweisen, in denen analoge und digitale Dimensionen miteinander verknüpft werden. Mit einem breiten Spektrum an technischen Systemen werden die die Grenzen zwischen der realen und der virtuellen Welt verwischt.

Projection Mapping in der Kunst ermöglicht es, physische Objekte und Räume in dynamische Leinwände zu verwandeln. Künstler_innen nutzen diese Technik, um die Erscheinungsformen von Umgebungen oder Architekturen zu verändern.

Creative Coding versteht Programmierung als künstlerische Praxis. Künstler_innen schaffen Kunstwerke, die nicht aus der analogen Welt abgeleitet sind, sondern die auf Algorithmen, Daten oder Interaktivität basieren.

In der zeitgenössischen Kunstpraxis verschwimmen oft die Grenzen zwischen Künstler_innen, Programmierer_innen und Designer_innen. Viele Kunstschaffende in diesem Bereich haben einen interdisziplinären Hintergrund oder arbeiten in kollaborativen Teams, um die technischen und kreativen Herausforderungen zu bewältigen.

Mixed Realities, Projection Mapping und Creative Coding erweitern nicht nur die ästhetischen Möglichkeiten, sondern fordern auch traditionelle Vorstellungen von Kunstwerken heraus. Sie schaffen oft ephemere, ortsspezifische oder partizipative Werke, die die Rolle der Betrachtenden neu definieren und Fragen nach Autor_innenschaft, Reproduzierbarkeit und der Natur des digitalen Mediums aufwerfen.

François Schwamborn ist einer der Künstler, die seit 10 Jahren mit diesen künstlerischen Arbeitsweisen experimentieren.


 
Hallo François und willkommen zu den GOLDSTÜCKEN. Ich freue mich, dass wir in diesem Jahr deine Videoarbeit “Nervous Swimming” am Rathaus zeigen können. Kannst du die folgenden Fragen beantworten, um die Arbeit und deine Arbeitsweise besser zu verstehen?

— Was ist das Interessante an der Teilnahme an einem Licht- und Medienkunst Projekt in Gelsenkirchen?

Interessant für mich ist es, meine künstlerische Tätigkeit nach außen zu tragen. Nicht nur in eine andere Stadt, sondern auch in den öffentlichen Raum.

— Wie beeinflusst der Kontext von Gelsenkirchen deine Arbeit?

In diesem Fall hat der Kontext hat keinen Einfluss auf die Arbeit, da es sich hierbei um ein existierendes Werk handelt, das vor Ort an die Örtlichkeiten angepasst wird.

— Kannst du uns deinen kreativen Prozess für dieses Werk erläutern, von den ersten Ideen bis zum Konzept und dann zur Umsetzung?

In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit einem rekursiven Verfahren auseinandergesetzt, mit dem ich es geschafft habe, aus der kalten Rechenmaschine organisch anmutende Muster zu erstellen, die sich ähnlich wie Pilzwachstum entfalten. Die Idee hierbei war es, eine Aufnahme von einem Schwimmbad zu benutzen und bei dieser die Farbe Blau herauszunehmen. Ein Verfahren, das z. B. bei der Wettervorhersage im Fernsehen üblich ist oder um Schauspieler in einen digital erstellten Hintergrund zu platzieren. Die Farbe habe ich dann durch die vorhin beschriebene Animation ersetzt.

— Wie gehst du an die Gestaltung von Kunst im öffentlichen Raum heran? Welche besonderen Herausforderungen und Möglichkeiten gehen von dem öffentlichen Raum aus?

Im öffentlichen Raum zu arbeiten ist eine besondere Herausforderung, weil man sich in einer bunten und ggf. lauten Umgebung durchsetzen muss. Mir gefällt hierbei aber die Tatsache, dass man PassantInnen überraschen kann und auch der demokratische Aspekt, dass Kunst nicht nur im Museum zu sehen ist. Ein bisschen wie bei Street Art.

— Wie setzen du dich in deiner künstlerischen Praxis mit Licht und Medien als Medien auseinander? Was hat dich dazu bewogen, mit diesen Elementen zu arbeiten?

Licht ist ein Medium, das auf mich eine ähnliche Wirkung hat wie Klänge. Man kann mit Licht Stimmungen erzeugen, wie man es mit Musik auch machen kann. Ich bin auf das Medium durch Zufall gekommen, weil ich mich ursprünglich mit Bewegtbild auseinandergesetzt habe. Dadurch bin ich dazu gekommen, den Beamer als intelligente Lichtquelle zu benutzen, um damit den Animationen, die in dem Computer entstanden sind, sozusagen ein analoges Leben zu geben. Ein Dasein außerhalb des Bildschirms.

— Welche Technologien setzt du in diesem Werk ein? Wie tragen Sie zu deiner künstlerischen Vision bei?

Ich arbeite mit einem Computer und einem Beamer. Diese sind meine elementaren Werkzeuge.

— Wie wird sich deiner Meinung nach die Licht- und Medienkunst im Wechselspiel mit unserer sich verändernden Welt weiterentwickeln? Welche zukünftigen Richtungen reizen dich in diesem Bereich?

Ich denke, das wir uns mit der Entwicklung von KI in einer sehr spannenden Zeit befinden, einer Zeit, in der die Maschinen immer mehr Aufgaben erledigen können, die bis dahin nur von Menschen gemacht werden konnten. Dies wirft komplexe gesellschaftliche, aber auch ethische Fragen auf. Das betrifft natürlich auch die Welt der Medienkunst. Ich setze mich mit diesen Technologien auseinander, indem ich sie in meinen künstlerischen Prozessen mit einbinde, aber auch indem ich sie künstlerisch hinterfrage.

— Inwiefern reagiert deine Arbeit auf aktuelle Spannungen, Konflikte oder Krisen oder reflektierst du diese?

Ich sehe mich als Post-Konstruktivist. In meiner Arbeit setze ich mit der menschlichen Wahrnehmung auseinander und reize dessen Grenzen aus. Die Grenzen unseres Wahrnehmungsapparats sind für mich ein Sinnbild der Grenzen unserer Weltanschauung. Im Kubismus geht es um eine phänomenologische Betrachtung eines Subjekts, um dessen Essenz darzustellen. Dadurch dass man ein Subjekt aus verschiedenen Perspektiven gleichzeitig dargestellt hat, haben die Kubisten versucht, etwas darzustellen, was für das bloße Auge nicht sichtbar ist. Meiner Meinung nach ist das ein guter Ansatz, um sich einem Konflikt anzunähern. Wie sieht ein Amerikaner seine Umwelt, ein Russe, ein Ukrainer, ein Israeli oder ein Palästinenser? Wenn man diese Weltanschauungen überlagert, kommt man vielleicht der Lösung eines Konfliktes etwas näher. Mein Ansatz ist es, die menschliche Wahrnehmung zu hinterfragen, damit man auch seine Weltanschauung hinterfragt.

— Wie balancierst du zwischen ästhetischen Überlegungen, dem inhaltlichen Fokus und gesellschaftlichem Engagement in der künstlerischen Produktion?

In meiner künstlerischen Produktion liegt der Fokus sehr stark auf ästhetischen Überlegungen, die für mich eine sehr hohe spirituelle und auch eine moralische Dimension haben, das Konzeptionelle sehe ich als Überbau zu meinem Schaffen, als Ansporn sozusagen.

— Was hoffst du, wie die Betrachtenden mit deinem Werk interagieren oder es erleben? Was möchten du ihnen mit auf den Weg geben?

Ich hoffe, dass die Betrachter sich die Zeit nehmen werden, sich mit dem Werk auseinanderzusetzen. Denn nur mit etwas Zeit wird sich die Arbeit entfalten können. Ich sehe diese Arbeit auch als meditativen Eingriff in den öffentlichen Raum, als Protest gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit.

— Gibt es andere Werke im diesjährigen Festivalprogramm, die dich besonders interessieren?

Ich bin sehr auf die Arbeit von Tatsuru Arai und Marek Radke gespannt.

— Hast du Empfehlungen für das Publikum?

Nehmt euch Zeit mit! Ihr werdet es nicht bereuen.