Bon Kim: Die Welt durch Wärme zu sehen, ist eine Metapher dafür, sie als Empfindung wahrzunehmen und nicht nur als bloße Oberfläche

Bon Kim: Robinienhof
Interview: Gamze Can. Publiziert am 16. SEP 2024.

Wir haben heute die Gelegenheit, mit einer Künstlerin zu sprechen, deren Arbeit sich mit Wärme und der Verbindung zwischen Mensch und Umwelt beschäftigt.

— Kanntest du Gelsenkirchen und die GOLDSTÜCKE bereits? Was hat dich dazu bewegt dich für den Open Call zu bewerben?

Herne war die erste Stadt, in der ich in Deutschland gelebt habe, und sie ermöglichte es mir, das Ruhrgebiet zu erkunden, einschließlich Gelsenkirchen, zu dem ich eine starke Verbindung spüre. Ich habe bereits an einem Kunstprojekt in der Region gearbeitet, beim new now Festival in Essen. Das Thema des Open Calls, Diplopie, hat mich besonders angesprochen, da es sich mit einem meiner Projekte überschneidet. Ich plane, ein Wärmebild-Video auf ein leerstehendes Gebäude in Gelsenkirchen zu projizieren, das Lebewesen in der Stadt zeigt. Die Wärmebildaufnahmen bieten eine „zweite Sicht“—sie zeigen die Temperatur und das Empfinden dieser Wesen und verkörpern das Konzept der Diplopie, indem sie zwei Realitäten gleichzeitig darstellen.

— Wie würdest du deine künstlerische Praxis beschreiben?

Meine künstlerische Praxis erforscht den Körper auf eine materialistische Weise, wobei der aktuelle Fokus auf Wärme als sowohl konzeptuellem als auch physischem Medium liegt. Ich nutze Wärme, um Grenzen zwischen Lebendigem und Unlebendigem, Materie und Leben, Mensch und Nicht-Mensch zu überwinden. Durch die Erforschung somatischer Phänomene arbeite ich oft mit Lebenszeichen wie Körperwärme und Atem—wesentliche Zeichen des Lebens, die durch das ständige Geben und Empfangen mit der Umgebung wahrgenommen werden. In meinem Projekt „A Chair for Co-responding“ versuche ich, eine Beziehung zwischen teilnehmenden Pflanzen und dem Publikum durch die Körperwärme des Menschen zu schaffen. Wenn man auf dem Stuhl sitzt, wird die Körperwärme in Strom umgewandelt. Dieser Strom treibt ein Licht an, das die Photosynthese verstärkt und Sauerstoff erzeugt, den das Publikum dann einatmet, wodurch ein Kreislauf des Austauschs entsteht. In „Mourning Heat (When a Breath Resonates)“ habe ich Wärme als Medium für Trauer eingesetzt. Das ‚Trauergerät‘ erzeugt durch den Luftstrom, der durch die Wärme entsteht, Klang und reflektiert so die vergängliche und zyklische Natur des Lebens.

— Welche Aspekte waren dir bei der Entstehung deines Kunstwerks besonders wichtig?

In letzter Zeit denke ich viel über die Bedeutung von überschüssiger Zeit und überschüssigen Aktivitäten nach. Ich bin der Meinung, dass es, wenn man Zeit in einem Zustand der Muße verbringt oder unstrukturierte Momente zulässt, oft zu besseren Ideen und klareren Einsichten führt. Diese überschüssige Zeit erlaubt es mir, Konzepte expliziter zu erforschen und fehlende Perspektiven zu finden, die in einem strikteren oder eingeschränkten Ansatz möglicherweise nicht auftauchen würden.

— Welcher Kerngedanke hat dich zu deinem jetzigen Werk inspiriert und welche Botschaft möchtest du damit vermitteln?

Die Welt durch Wärme zu sehen, ist eine Metapher dafür, sie als Empfindung wahrzunehmen und nicht nur als bloße Oberfläche. Wenn wir Lebewesen durch Wärme wahrnehmen, bedeutet das, sie als Lebewesen zu behandeln, die Wärme erzeugen, unabhängig von ihrem Hintergrund, Land, ihrer Ethnie oder ob sie überhaupt menschlich sind oder nicht. Der Umgang mit unbelebten Dingen ist ähnlich. So wie relativ kalt und heiß nichts Negatives oder Positives, Über- oder Unterlegenes impliziert, sind unbelebte Dinge, die keine Wärme erzeugen, relativ kalt. Wenn sie mit Lebewesen in Kontakt kommen, interagieren sie und vermischen sich, tauschen Wärme aus. Die aktuelle Arbeit schlägt eine Art des Fühlens der Welt in dieser Weise vor, und es wird gehofft, dass wir, die wir daran gewöhnt sind zu sehen, die Gelegenheit bekommen, empathischer und sensibler mit Wesen umzugehen, die sich von uns unterscheiden.

— In deinem Werk nutzt du vorrangig Wärmebildtechnologie, die in unterschiedlichsten Bereichen Anwendung findet – von militärischen Einsätzen über Gebäudediagnose und Energieeffizienz bis hin zu Überwachungszwecken. Welche Prozesse und Methoden stehen für dich dabei im Vordergrund? Und wie gelingt es dir, den Einsatz dieser Technologie in deiner künstlerischen Arbeit auf neue Weise zu interpretieren?

Meine ursprüngliche Motivation, eine Wärmebildkamera zu verwenden, bestand darin, die Idee des „Fühlens der Welt“ zu erkunden. Ich habe mit verschiedenen Medien gearbeitet, darunter thermoelektrische Generatoren und thermische Akustik, aber ich begann, die Wärmebildkamera während meiner letzten Einzelausstellung zu verwenden. Ich wollte Körperwärme als Beweis für Leben hervorheben. In der Ausstellung installierte ich Stühle, die aus der Körperwärme der sitzenden Menschen Strom erzeugten. Es war jedoch für das Publikum schwierig zu erkennen, ob die Stühle als Berührungssensoren funktionierten oder ob sie tatsächlich Wärme absorbierten. Um dieses Konzept zu verdeutlichen, entschied ich mich, ein Live-Wärmebildvideo der Installation in einem separaten Raum unter dem Titel „Assistive Feeling Device for Those Who Are Used to Seeing“ zu zeigen. Diese Neuinterpretation half den Zuschauern, die Idee der Wahrnehmung von Wärme und Körperenergie als Formen der Interaktion besser zu verstehen und somit die Wärmebildtechnik als Medium für die Erfahrung unsichtbarer Aspekte des Lebens neu zu interpretieren, anstatt sie nur für ihre herkömmlichen technischen Anwendungen zu nutzen.

— Hast du ein Lieblingskunstwerk aus dem diesjährigen Programm der GOLDSTÜCKE?

Ich habe mir die anderen Kunstwerke noch nicht angesehen, aber ich möchte dies bald nachholen.